Kirche

Die Kirche wird gebaut

Bereits im Juni 1878 kam es zu ersten Beratungen über einen Kirchenbau. Er erschien umso dringender, als sich auch an gewöhnlichen Sonntagen jeweils 500 bis 600 Zuhörer in den Predigtsaal drängten, so dass dieser aus allen Nähten zu platzen drohte.
Eine vordringliche Aufgabe der Baukommission war vorerst die Beschaffung von Finanzen, wobei die Wäseler viel Phantasie und Geschick bewiesen. So wurden beispielsweise 1600 «Bettelbriefe» an ehemalige Mitbürger in alle Welt verschickt. Das Ergebnis dieser Aktion konnte sich sehen lassen. Man liest, sogar aus Guatemala sei eine Spende von Fr. 200.– eingetroffen, und selbst eine arme Witwe aus Württemberg habe ihr Scherflein beigesteuert. Ein «Mitbruder aus dem Elsass» wird vermerkt, der zehn Franken sandte und sich darüber freute, dass man ihn zuhause nicht vergessen hatte. Ein aussergewöhnlicher Glanzpunkt der Sammlung für das neue Gotteshaus war auch ein Bittgang nach Basel. Zwei Mitglieder des Kirchgemeinderates machten sich auf den sicher ungewohnten und schweren Gang in die vornehmen Salons der wichtigen Basler Familien. Doch die Sache lohnte sich, trugen die beiden Sammler doch 6000 Franken nach Hause.
Schlussendlich brachte man aus den verschiedensten Quellen soviel Geld zusammen, dass der Kirchenbau getrost in Angriff genommen werden konnte. Weitere Zahlen zu nennen hat wohl keinen grossen Sinn, wenn man bedenkt, welchen Wandel der Geldwert seither durchgemacht hat. (Das Bauland kostete damals 16 Rappen pro Quadratmeter und der Stundenlohn eines Maurers betrug 60 Rappen!) Erwähnt sei nur noch, dass der Bau schliesslich mit 91’800 Franken zu Buche schlug. Das Vorhaben wurde an der Kirchgemeindeversammlung vom 3. November 1878 von den Stimmbürgern gutgeheissen.
Wie sollte die neue Kirche nun aber aussehen? Um hier eine Entscheidungsgrundlage zu haben, organisieren die Bauherren die Pläne der neuen Kirchen von Kirchdorf und St. Antöni. Sie gedenken, daraus das Beste zu entnehmen und für den eigenen Bau zu verwenden.
Ein junger Architekt aus Bern, ein gewisser Herr Gerber, wird mit der Planung und Leitung des Baues beauftragt. Bald liegen die ersten Pläne vor. Man verspricht sich im Wasen von dem jungen Mann eine zügige und darum auch billige Bauführung. Man erkundigt sich in Oberburg über die Steinpreise, denn man befürchtet eine Teuerung und will dieser mit einem raschen Vertragsabschluss zuvorkommen. Auch die Steine aus dem Löchli und von Bärhegen werden auf ihre Tauglichkeit geprüft – doch scheinen diese von schlechter Qualität gewesen zu sein, da im weiteren Verlauf von diesem Baumaterial nirgends mehr gesprochen wird. Der Transport des Baumaterials wird ausgeschrieben. Freiwillige und gratis arbeitende Fuhrleute sollen als Entgelt nach dem Abladen gratis verköstigt werden.
Die Vorarbeiten gehen so zügig voran, dass die Bevölkerung bereits im August 1880 zur Besichtigung der endgültigen Pläne ins «Rössli» eingeladen werden kann.
Baukommission und Kirchgemeinderat haben sich in der Folge wohl noch zu vielen wichtigen Sitzungen zusammengefunden. So geht es zum Beispiel einmal um die Kirchenfenster: Vorgesehen sind von Anfang an die drei bemalten Fenster, die auch heute noch unsere Kirche leidlich schmücken, obschon sie nach heutigem Verständnis keine eigentlichen Kunstwerke, sondern eher solides Handwerk sind. (Es wird übrigens berichtet, dass es trotz dem vorgebauten Drahtgeflecht einmal einem «bösen» Mädchen gelang, mit einem Steinwurf eines der Fenster zu beschädigen.)
Auch muss man sich schon mit dem Geläute beschäftigen. Man entscheidet sich für G-Dur und schliesst mit der Giesserei Keller in Zürich einen Giessvertrag für vier Glocken in den Stimmungen D, Fis, A und D ab.
Noch fehlt aber ein wichtiger Bestandteil der neuen Kirche, nämlich eine Orgel. Da springen die Frauen der Kirchgemeinde in die Bresche, veranstalten einen Basar und bringen damit genügend Geld zusammen, dass ein günstiges Instrument angeschafft werden kann.
Nun steht der Grundsteinlegung nichts mehr im Weg, und der Bau kann zügig vorangetrieben werden.
Langsam naht der Tag der Vollendung des Werkes. Draussen planieren die Männer die Umgebung, drinnen sind fleissige Frauen mit Eimer und Lappen am Fegen und Putzen. Am 4. Dezember des Jahres 1881 ist es endlich soweit: Mit einem feierlichen Gottesdienst kann das neue Gotteshaus eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben werden!

Die Kirche an der Arbeit

Bald zogen Jahre ins Land, in denen Kirchgemeinde und Kirche ihre Daseinsberechtigung bestätigen konnten: Der erste Weltkrieg, die grosse Arbeitslosigkeit und Naturkatastrophen waren Ereignisse, die auch an unserem Dorf nicht spurlos vorbeigingen. In Protokollen ist von mancher Hilfeleistung unserer Leute zu lesen, obschon viele selber nicht auf Rosen gebettet waren. Eindrücklich hält ein Sekretär fest: «Die Sammeltäschchen werden heute Abend geöffnet. Wir freuen uns über das Ergebnis christlicher Nächstenliebe, sind es doch fast Fr. 10.– pro Kopf der Bevölkerung oder Fr. 36.50 pro Familie!» Man bedenke den Wert, den das Geld damals hatte!
Auch wurde damals noch streng über die Sitten gewacht. Da liest man beispielsweise: «Im Spychers-graben haben sich Naturfreunde eingenistet. Zwei Kirchgemeinderäte sind beauftragt, über das Verhalten dieser Leute Erkundigungen einzuziehen.» Scheinbar lautete ihr Bericht ungünstig, denn weiter steht zu lesen: «Das Tun und Treiben der Naturfreunde ist sittlich anstössig und für die jungen Leute im dortigen Bezirk eine Gefahr.»
Die Jahre gingen auch an der Kirche selber nicht spurlos vorbei. Hier und dort zeigten sich Schäden – vielleicht auch, weil beim Bau überall nach Kräften gespart worden war. Eine Renovation wurde dringend. Und wieder einmal war es in dieser Krisenzeit der 30er Jahre das Auftreiben des Geldes, das unseren Leuten Kopfzerbrechen bereitete. Trotzdem wurden guten Mutes Pläne erstellt, und die Bevölkerung konnte Ende 1935 diese in einer Orientierungsversammlung, an der, man höre und staune, «... auch die Frauen teilnehmen dürfen...», begutachten.
Einiges Aufsehen erregte das Ansinnen, dem Turm ein anderes, moderneres Aussehen angedeihen zu lassen. Viele Versammlungsteilnehmer hatten das Gefühl, man müsse ihn in seiner angestammten Form belassen. Da aber die Subventionen des Synodalrates nur ausbezahlt werden sollten, wenn «...der Bau nach den Plänen des Architekten...» ausgeführt werde, beugte man sich schliesslich dem Diktat. So konnte schliesslich der Kirche zu neuem Glanz verholfen werden.
Es folgten die harten Kriegsjahre mit der Mobilmachung und der Aufnahme polnischer Soldaten. Verschiedentlich diente unsere Kirche als Konzertlokal für diese wohl Heimwehkranken, unter denen auch begabte Musiker waren. Ja, sogar die berühmte Lisa della Casa soll damals in unserer Kirche gesungen haben! Dass diese Internierungen nicht nur schöne Musik und etwas frischen Wind in den Wasen gebracht haben zeigt, dass der Kirchgemeinderat und das Pfarramt mehrmals «...wegen ungebührlichen Vertrautheiten von Schülerinnen mit polnischen Soldaten» einschreiten mussten.



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